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Bisherige Radtouren des ADFC Leverkusen e.V.


"Bella Italia – Ein Reisetagebuch"

von Arno Groll

aus dem „Rad-Anzeiger“ 1/2007

Irgendwann im Sommer überredete Peter Garbe vom ADFC Leverkusen meine Frau Heidrun und mich, an einer Fahrradtour teilzunehmen: „Italien“, sagte er, „schönes Hotel, direkt am Meer, gutes Essen, geführte Touren, nicht zu schwer, Acht-Gang-Nabenschaltung-Leihfahrräder, ihr braucht Euch um nichts zu kümmern, preiswert, nette Leute, Ende September, bestes Fahrradwetter.“ Was blieb uns anderes übrig. Wir sagten zu.

Tag 1

Eine völlig unbekleidete Italienerin ist der Blickfang im Zimmer 406 des Hotels Marinella in Gabicce Mare. Die etwas barocke Dame ist in Begleitung von fünf ebenso nackten Engeln, die Amphoren schwenkend und Wolken blasend um sie herum fliegen, während sie sich lang ausgestreckt über dem Meer dahinräkelt. Das riesige Bild über dem Bett lässt mich allerdings kalt. Wir sind hier, um Fahrrad zu fahren. Nacktes Fleisch beschränkt sich dabei eher auf die Waden der Vorderleute.

Besser noch ist der Ausblick vom Balkon. Geradeaus (Norden), ganz in Blau die Adria, davor saisonbedingt wenig Mensch, nach links (Westen) bebaute Küste in Grau und nach rechts (Osten) begrünte Hügel. Diese Hügel, die unser Tourenleiter Peter später als „welliges Gelände“ bezeichnen wird, gibt es in ausreichender Menge und Höhe auch in Richtung Süden, dort allerdings sind es schon eher Berge.

Wer es genau wissen will: Gabicce Mare liegt zwischen Rimini und Pesaro an der Ostküste Italiens in der Provinz Marken. Beim Anpassen der Räder kann man schon mal schauen, mit wem man die nächste Woche über die Hügel huschen wird. 20 Leute, Alter zwischen 40 und 70, zum größten Teil aus Leverkusen und Umgebung.

Beim Abendbuffet (lecker Salat, Pasta, Fisch, Lamm und Vino) wird beschlossen, in zwei Gruppen zu fahren. In der einen kann man sich, bei gleichem Spaßfaktor, mehr quälen als in der anderen. Heidrun und ich entscheiden uns in der Gruppe anzutreten, die sich stark genug fühlt, die Panoramastrecke am Meer entlang nach Pesaro zu befahren. Ein paar Gläser Weißwein besiegeln das Vorhaben.

Tag 2

Als ich Heidrun zeigen will, wie man sich schon im Bett durch Dehnübungen auf die Fahrt vorbereitet, bekomme ich einen Krampf im Unterschenkel. 8 Uhr: Frühstücksbuffet. Ordentlich essen, trinken und ein oder zwei Rühreier noch zusätzlich eingeschoben. Das gibt Dampf auf den Pedalen.

9 Uhr: Abfahrt bei bestem Wetter. Im Gepäck viel Wasser und etwas zu futtern. 9.30 Uhr: Ich bin schon außer Atem. Es geht bergauf. Insgesamt fast 200 Höhenmeter, dann sind wir oben. Ein erster schöner Ausblick auf das Meer. In der Folge ist die Fahrt für einen Flachländer schon so, dass ich mich anstrengen muss. Die Belohnung dafür sind schöne Dörfer, weite Sicht über das Land und das Meer und natürlich auch herrliche Abfahrten. Die letzte führt uns nach Pesaro. Am Markt lümmeln wir uns gemütlich in ein Café, schauen uns ein wenig die Stadt an und fahren dann im Hinterland durch ein Tal zum Hotel zurück.

Tag 3

Heute soll es nach Urbino ins Landesinnere gehen. Sitz des römisch-katholischen Erzbischofs mit Palast und Dom, Teil des Weltkulturerbes. Na denn! Zuerst geht es flach, dann aber bei wunderschöner Sicht in die Berge. Als Begleiter, wie am Vortag, wieder dabei: Marcello, ein ortskundiger, natürlich durch und durch italienischer Rennradfahrer im besten Alter (über 50 plus), der jedes Mal mit großem Hallo begrüßt und verabschiedet wird. Da er kein Wort Deutsch spricht und Peter nur beschränkt italienisch, ist das Palaver über die Streckenführung ein Teil des Folkloreprogramms. Es endet immer mit viel Schulterklopfen und ebenso viel „si, si, bene, bene“.

In Mondaino machen wir die erste längere Pause. Im Café wird dem Wirt erklärt, was sich in Deutschland hinter dem Getränk „Radler“ verbirgt. Er lernt schnell und hat seinen Spaß mit den komischen Deutschen. Überhaupt scheinen mir die Italiener etwas entspannter zu sein. Generell zeigen sich die Autofahrer als sehr großzügig gegenüber Fahrradfahrern.

Nach einer super wunderschönen Abfahrt geht es dann lange, lange bergauf, Urbino liegt 550 Meter hoch. Nicht nur die Nabenschaltung pfeift auf dem letzten Loch. Nach der Besichtigung der Stadt wird der Weg nach Hause mit dem Kleinbus des Hotels zurückgelegt, die Fahrräder hinten auf einem Hänger. Erst auf der Rückfahrt merke ich, dass wir doch sehr weit gefahren sind: 55 Kilometer plus Höhenmeter.

Die andere Truppe, überwiegend Frauen, die sich selbstironisch „Häschengruppe“ nennen, ist schon vor uns da. Angeführt werden sie von Setti, einem Italiener, der nahe Leverkusen einen Fahrradladen betreibt. Ganz offensichtlich läuft es gut miteinander, sie kommen immer quietschvergnügt ins Hotel zurück. Settis-faction würde der Engländer sagen.

Tag 4

Zur Schonung der Sitzknochen entscheiden Heidrun und ich, einen Schontag einzulegen. Wir fahren flach am Meer entlang Richtung Rimini, während die anderen über die Berge toben. Kurz vor Rimini kehren wir um. Kilometerweit nur Hotels in unbestechlicher Hässlichkeit, lassen uns nach Cattolica / Gabicce Mare an den Fischereihafen zurückkehren. Dort gesellen wir uns zu den Rentnern, die anderen Leuten bei der Arbeit zuschauen.

Tag 5

In der Nacht schwerer Sturm vom Meer her. Radfahren ist nicht angesagt. Mittags fahren alle mit einer Touristik-Straßenlokomotive (oh, oh) zu einem Weingut (Monsignore) zum Essen. Danach Grappa. Nachmittags schauen wir den Typen zu, die mit Metalldetektor und Kinderschaufel den Strand abgehen und streunen ein wenig durch die Stadt. Vor dem Abendbuffet Käseprobe, oder waren es die frittierten Sardinen? Egal, irgendwas gibt’s öfter mal zwischendurch.

Morgen geht es nach San Marino, mit 30 000 Einwohnern ein Zwergstaat, dafür aber die älteste Republik der Welt. Eigentlich ist San Marino nicht weit entfernt, Luftlinie ungefähr 25 Kilometer, aber ich habe in den letzten Tagen gelernt, dass es a) Umwege und b) Höhenmeter gibt. Der höchste Punkt San Marinos liegt 750 Meter über dem Meer. Den Felsen haben wir bereits von weitem gesehen. Ich will da unbedingt hin. Der Berg ruft!

Tag 6

Polizeikontrolle! In meinem Pass findet man ein durchgekreuztes R. „Radfahrverbot!“ sagt der Polizist. „Behalt‘ den dämlichen Pass“, sag’ ich, „ich muss nach San Marino!“ Leicht angeschwitzt wache ich auf, geh auf den Balkon und schau mir den Sonnenaufgang an.

Sechs ältere Jungs plus Heidrun machen sich morgens auf den Weg, bei bestem Wetter und guter Stimmung. Hinter Morciano di Romagna geht es bergauf über San Clemente nach Monte Colombo. Die ersten Bananen sind gegessen. Der Wirt in Montescudo grinst schon so verdächtig, als Peter ihm auf der Karte unser Vorhaben zeigt. Man kann San Marino schon sehen, als wir bei 380 Höhenmetern auf 16 Prozent Gefälle treffen und das anderthalb Kilometer lang. Mit jedem Meter Abfahrt kommt San Marino näher, wird aber optisch immer höher.

Von der Ostseite ist das ein imposanter Felsen mit drei Zinnen. Am Fuß des Berges ist mir klar, dass wir da nicht hochfahren können. Also schieben, ein wenig fahren, wieder schieben, bloß nicht nach oben schauen. Bei der ersten Pause gehen die letzten Bananen drauf. Auf Peters Stirn haben ein paar Eintagsfliegen ihr ohnehin kurzes Leben gelassen, ersoffen im Schweiß, oder doch eher gekocht? Ein schreckliches Ende.

Kurz unterhalb des Felsens ist Fahren wieder möglich, und 45 Minuten später ist San Marino erobert. Die Plünderungen halten sich in Grenzen, es wird viel Zeug verkauft, das kein Mensch braucht. Irgendwie ist der Berg das Gegenstück zum französischen Mont-Saint-Michel. Jede Menge ignorante Touristen, die uns verschwitzte Fahrradhelden nicht gebührend feiern. Die Anlage und die Rundumaussicht sind allerdings alle Mühe wert. Eine Stunde später treten wir die Heimfahrt an, eine lange und schnelle Abfahrt. Am Abend gibt es einen Vino extra und dann müde ins Bett.

Tag 7

An diesem letzten Fahrradtag geht es, an der Festung Gradara vorbei, nochmals leicht in die Berge. Dabei treffen wir in Tavullia auf das Fan-Café von Valentino Rossi, siebenfacher Motorradweltmeister, der Stolz der Region. Angeblich sah der kleine Valentino gegenüber dem Café zum ersten Mal das Licht der Welt. Jeder Capuccino trägt seine Startnummer 46 im Schaum. Witzig. Ein kultiger Ort.

Am Nachmittag treffen sich beide Gruppen im Weingut Tempio Antico zur Weinverkostung mit Essen . Bei allseits guter Stimmung fließt der Wein verständlicherweise nur spärlich – wir müssen ja noch acht Kilometer zurückradeln. Dafür ist aber das Olivenöl ein Kracher, mein Kauftipp. Der letzte Abend endet dann so, wie man es manchmal gerne hat: In geselliger kleiner Runde werden die Sprachschwierigkeiten mit dem Nachtwächter des Hotels zum Vergnügen. Si, Si, Bene Bene!

Peter hat Recht behalten

Es hat viel Spaß gemacht, wir haben nette Leute kennen gelernt. Es gab vergnügliche Stunden nicht nur auf dem Fahrrad, sowie eine gute Unterkunft, Service und Essen. Ein schöner Urlaub. Aber es gibt auch etwas zu verbessern. Die Fahrräder, die fürs Flache völlig ausreichend sind und gut laufen, zeigen in den Bergen Schwächen. Etwas weniger Gewicht (gilt auch für manchen Fahrer) und eine andere Schaltung wären schon wünschenswert. Es gäbe noch viel zu erzählen, aber wen interessiert es? Fahrt doch selber hin!



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