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Bisherige Radtouren des ADFC Leverkusen e.V.


Schäufele, Hausbrand und Sitzbeinhöcker
Main - Reisetagebuch

von Arno Groll

aus dem „Rad-Anzeiger“ 1/2008


Peter Garbe, gestorben Juli 2008
Nachruf

Ab dem Jahr 500 nach Chr. besiedelten die Franken, aus dem Rheinland kommend (!), das Gebiet des Mains und große Teile südlich davon.
1500 Jahre später wagen sich wieder neun Rheinländer (4 Frauen und 5 Männer) in das Gebiet der Franken, um Land und Leute kennenzulernen.
Unser Anführer: Peter Garbe, ein ehemaliger fränkischer Ureinwohner, jetzt Rheinländer.
Wir wollen etwa 300 km am Main entlangfahren: von Lichtenfels nach Lohr.
Es ist Ende September 2007, die letzten Tage hat es ausgiebig geregnet und die fehlende Wärme lässt nur eine etwas gemischte Gefühlslage zu.

Abreise oder Anreise?

Noch vor dem Morgengrauen treffen die ersten Radler am Bayer-Löwen ein, um gemeinsam nach Köln zum Bahnhof zu fahren. Es ist kalt (9 Grad) und dunkel. Ein paar Schlafgestörte gehen zur Arbeit, der Neid auf uns Urlauber hält sich in verträglichen Grenzen.
Im Bahnhof wähle ich die Variante mit dem beladenen Fahrrad über die Rolltreppe auf den Bahnsteig zu kommen. Es geht beinahe gut, aber ganz einfach ist es nicht.

Das Einladen und Verstauen der Fahrräder im Intercity ist (entgegen meinen Befürchtungen) kein so großer Akt.
Ab Frankfurt kann man dem Lokführer über die Schulter schauen, das Radabteil grenzt direkt an den Lokführerstand. Der Lokführer scheint froh, nicht ganz alleine zu sein, und auch das andere Personal ist einem Plausch nicht abgeneigt. So ergibt es sich, dass in Nürnberg, „die Radfahrergruppe aus Leverkusen“, über den Zuglautsprecher verabschiedet wird. Am frühen Nachmittag haben sich meine Befürchtungen bezüglich der Bahnfahrt verflüchtigt, wir sind im Oberen Maintal in der Korbmacherstadt Lichtenfels angelangt.

Erster kultureller Akt: Mit dem Fahrrad an die ambulante Bratwurstbude auf dem Marktplatz. Hier stellt sich bereits heraus, dass der Franke dem Kümmel nicht abgeneigt ist, der bekanntlich im Rheinland nicht so verwendet wird.

Zur Ertüchtigung (nach der langen Bahnfahrt) geht es hinauf zum Kloster Banz, einem der Treffpunkte für CSU-Politiker. Obwohl zum Greifen nahe, ist die Auffahrt mühsam (12 bis 14 Prozent). Die Abfahrt auf der anderen Seite des Hügels hat sogar 20 Prozent und ermöglicht unglaubliche Höchstgeschwindigkeiten. Ich lasse lieber die Bremsen glühen.
Im barocken Ambiente des Klosters ist wieder mal eine CSU-Tagung, zwar ohne Mönche, dafür aber mit gut aussehenden Polizistinnen. Diese wiederum sind selbst mit schusssicherer Weste attraktiver, als der scheidende Herr Stoiber und sein vergnügter Anhang, der telefonierend aus dem Kloster quillt.
Der Abend ist eher kurz, frühes Aufstehen führt zur vorzeitigen Ermüdung.

Auf ins fränkische Rom

Der neue Tag beginnt kühl, aber man spürt schon, dass es schönes Wetter geben wird. Erst einmal radeln wir nach „Vierzehnheiligen“, einer prunkvollen, barocken Wallfahrtskirche aus Sandstein. Der Name geht auf eine Erscheinung eines Schäfers zurück, der Jesus mit 14 Nothelfern gesehen hatte (1445), unter anderem St. Christophorus, den Patron der Reisenden. Ähnlich wie Jugendherbergen liegt diese Art von Kultur komischerweise immer auf steilen Bergen. Ein wenig schieben senkt den Puls.
Der Besuch der Kirche führt bei einem Mitradler sozusagen zu einem Schlüsselerlebnis. Der „entwendete“ Hotelschlüssel erscheint ihm in der Hosentasche - und von tätiger Reue erfasst - bringt er ihn zurück. Wir anderen feixen und.... dürfen warten.

Zur Mittagszeit geht unserem Anführer Peter kurz vor einem Gasthaus der Reifen platt. Dank moderner Bremstechnologie dauert die Reparatur etwas länger. Wir nutzen die Zeit im schönen Hof des Gasthauses zum Essen, Fachsimpeln und pflegen die gute Laune.

Es zerhaute den Schlauch

Danach gewinnt der Schutzpatron der Wirte das Duell gegen St. Christophorus. Beim Aufblasen des Reifens zerhaut es den Schlauch vollends, und wir halten wiederholt Einkehr in derselben Lokalität. Der Wirt bekommt den zerfetzten Schlauch als Andenken.
Am Nachmittag wird’s warm, die ersten Hüllen fallen und nach einem Abstecher in eine Sommerresidenz fränkischer Bischöfe, Schloss Seehof, erreichen wir nach 53 km Bamberg, das fränkische Rom. Seit 1993 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Für mich eine der schönsten Städte Deutschlands; eine Reise wert.

Das Schäufele

Zum Abend geht es dann auf den Bierkeller „Spezial“, mit Ausblick auf die Stadt.
Der Begriff „auf dem Bierkeller“ kommt daher, dass man sich auf den Kühlkellern der Brauereien zum Essen und Trinken einfand. Dies ist heute noch unverändert, man geht auf den Keller, um sich etwas Deftiges mit einem Kübel Bier zuzuführen. Ich esse mein erstes Schäufele: gegrilltes Schweineschulterblatt, mit Kloß und Sauerkraut. Lecker.

Der Papst wurde vergiftet

Königsberg gibt’s auch in Bayern und zwar oben in den Hassbergen, etwas abseits vom Main. Aber bevor es am dritten Tag dort hinauf geht, lassen wir uns bei strahlendem Sonnenschein von einer angenehm sachkundigen Stadtführerin erklären, was früher mal in Bamberg los war. Durchaus vergnüglich und unterhaltsam lerne ich: Hier liegt der einzige tote deutsche Papst nördlich der Alpen begraben. Er wurde vergiftet.

Klitschkos Leberhaken

Ein ähnliches Gefühl überkommt mich, als ich abends nach dem Essen, in dem ansonst guten Hotel, den Hausbrand koste. Er ist wie ein Leberhacken der Klitschko-Brüder. Alles andere stimmt aber, und wir verbringen einen schönen Abend in Königsberg/Bayern, einem kleinen, ruhig verträumten Kopfsteinpflasterdorf.
Heute waren es nur etwa 40 Kilometer, dafür ging es durch schöne Landschaft, allerdings teilweise auch bergauf.

Zur Mainschleife

Bei leichtem Nebel und aufsteigender Sonne werden schon am frühen Morgen, bei der 10 km Abfahrt von Königsberg zurück an den Main, erste Glückshormone ausgeschüttet. Auf einer stillgelegten Bahntrasse geht es wunderbar bergab nach Hassfurt. Dann kommt Schweinfurt, eine Arbeiterstadt, die im Krieg arg gelitten hat. Die Romantik entfällt dadurch ziemlich.
15 km weiter machen wir in Wippfeld Pause. Peter überredet meine Frau zu einer Portion Meefische. Diese Main-Weißfische sehen ähnlich aus wie kleine Sardinen und schmecken auch so. Frittiert kann der Fisch komplett gegessen werden, aber auf den Kopf hat keiner so richtig Lust; ich auch nicht.

Nach 64 km sind wir in Volkach. Unser Zielort ist touristisch wohl der bekannteste Ort an der Mainschleife, dementsprechend ist auch viel Rummel auf den Strassen. Der Bundeswehr-Reservisten-Bund hat heute hier großes Treffen mit Pauken und Trompeten. Die meist älteren Herren in Uniform sind immer noch kernig unterwegs. In friedlicher Mission besetzen sie die Eisdielen der Innenstadt, sowie den Festplatz der Stadt mit einer Riesenblaskapelle, die nicht nur Märsche spielen kann.
Für uns rundet eine abendliche Weinprobe in einer Häckerstube (Häcker=Winzer) den Tag ab.

Die längste Fahrt

Es geht 72 km bis nach Würzburg. Die Sonne scheint. Meine leichten Sitzfleischbeschwerden von gestern sind vorbei, lediglich die Weinprobe vom Vorabend trotzt der frischen Luft noch ein paar Kilometer. Der gesamte Südbogen des Mains gehört zu den schönsten Teilen der Strecke, und einzig die vielen Sonntagsausflügler (wer sollte es ihnen verdenken) machen die Fahrt etwas beschwerlicher. Zum grenzenlosen Erstaunen von Peter ist in Ochsenfurt die uralte Steinbrücke abgebaut worden. „Die war doch letztens noch da...!“, wird auch von den Ochsenfurtern bestätigt, hilft aber nicht richtig weiter.

In Würzburg angekommen, verbringen wir den ganzen Abend im Spital. Unser kulinarischer Experte in der Truppe empfiehlt dies zu Regeneration. Mit den Worten: „Italienische Lokale gibt es Tausende, aber es gibt nur ein Juliusspital“, wischt er (glücklicherweise) alles andere vom Tisch. Also rein in das berühmte Weinlokal (ja, es gibt auch noch andere, aber man kann bekanntlich nicht überall sein). Im großen Innenhof sind das Essen, der Wein und auch die Kellner Klasse. Die Damen wählen alle den seltenen, fränkischen Ziegenrollbraten, der aber offensichtlich keine Veranlassung zum meckern gibt. Ich nehme Schäufele und Riesling.

Veitshöchheimer Rokokogarten

Am letzten richtigen Reisetag besuchen einige morgens noch die Residenz von Würzburg, danach geht es mit dem Rad etwa 10 km weiter in den Veitshöchheimer Rokokogarten. Jede Menge Skulpturen, eine Nutzgartenanlage und Wasserspiele, alles sehr beschaulich.
Am Nachmittag 20 Grad bei 50 Prozent Luftfeuchte, bestes Radfahrwetter. Nunmehr sechs Tage ohne Regen, wir können es alle fast nicht glauben. Ein letzter Biergartenbesuch mit alkoholfreiem Weißbier, Bretzel und Weißwurst trägt dazu bei, dass die Fahrt entspannt genossen wird. Die letzten Kilometer dieses Tages fahren wir in einen schönen Sonnenuntergang mit ersten dicken Wolken am Himmel. 30 Minuten nach unserer Ankunft in unserem Gasthaus bei Lohr, setzt mit einem Donnerschlag vehement der Regen ein.

Sitzbeinhöcker

Am Abend wird mir von meinen fachkundigen Mitradlern erklärt, warum mir manchmal beim fahren der Po schmerzt. Es liege an den zwei Sitzbeinhöckern! Oho! Dies seien die Enden des Beckens, die nicht zu meinem Sattel passen. Man kann sie fühlen, wenn man sich auf seine Finger setzt. Auf Wellpappe sitzend, (so der kluge Rat), kann man den Abstand der Höcker messen und dementsprechend eine Sattel kaufen. Aha! Den Rest des vergnüglichen Abends spiel ich nicht mehr mit den Bierdeckeln auf dem Tisch...

Es geht heimwärts

Ich glaube nicht nur bei mir ist die Stimmung etwas gedrückt. Wir haben uns die sieben Tage gut verstanden, die Zeit ist fast zu schnell vergangen. Zum Glück regnet es nicht mehr. Bis zur Abfahrt vertreiben wir uns in dem etwas verschlafenen Lohr die Zeit. Am Nachmittag sind wir wieder in Köln und um eine schöne Reiseerfahrung reicher. Bei einer Gruppenfahrt muss zwar jeder etwas zurückstecken, aber dies wird an anderer Stelle doppelt belohnt. Dazu ein guter Reiseleiter. Danke Peter! Was will man mehr? Tja, die Franken. Rheinländer sind die nicht mehr, nicht so geschwätzig, eher bescheiden und mit bedächtigem Witz. „Was meinst Du dazu, Peter?“ - „Ach, wer socht denn des?“

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